Gämsendämmerung I

Ich spüre, wie die Erde sich unter meine Fingernägel drückt, als ich mich langsam aufrichte um aus dem Fenster zu sehen. Langsam um kein Geräusch zu verursachen. Der kleinste Laut könnte mich verraten. Verraten bedeutet, ihren Hunger wecken, und das sie rasend Hungrig sind nach Fleisch, das habe ich mit eigenen Augen gesehen. Meine Freunde zerissen von Geweihen.  Aber: Mich langsam aufzurichten ohne das sie es hören, das ist gar nicht so einfach, denn die alte Almhütte, auf deren lehmigen Boden und morschen Bodendielen liege knarzt und knackt an jeder Ecke.

Und ich weiß:
Jedes Geräusch wird sie anlocken.

Deshalb bewege ich mich ganz leise. Ziehe mein Knie behutsam Richtung Brustkorb. Atme flach und drücke mich mit den Armen nach oben. Nicht zu kraftvoll. Gerade genug, so hoffe ich, dass ich mit meinen Augen über den Holzrahmen des kleines Fensters schauen kann. Ich will wissen, ob der Nebel noch da ist. Aber Vorsicht: Aus dem Augenwinkel sehe ich das Ende eines kleinen, rostigen Nagels, der wie für diese Horrorfilmszene gemacht etwas hervorsteht. Vorsicht, denke ich ich mir.

Der Nebel.
Dieser verdammte Nebel.

Eigentlich hat vor rund fünf Tagen alles ganz harmlos begonnen. Fünf Freunde die in ein Auto stiegen um eine Wanderung zu unternehmen, ein Gipfel, eine Hütteneinkehr, solche Dinge. Wir fuhren früh los, für meinen Geschmack zu früh, um dem üblichen Stau aus dem Weg zu gehen, der gerade bei schöner Wettervorhersage zu erwarten war. Im Auto war die Stimmung gut: Jemand hatte Süßgebäck mitgebracht, Butterbrezen und es lief eine gemeinsame Playlist im via Smartphone auf den Autoboxen. Gerade lief Reggae: I am a Hustler.

Warum sind wir nicht umgekehrt?
Eigentlich war früh klar, dass etwas nicht stimmen konnte.

Das Wetter war viel schlechter als angesagt. Schon nach kurzer Strecke auf der Autobahn sahen wir die Wolkentürme. Lachend biss Max der jetzt in seinem Blut kurz vor der Hütte liegt, dass sich das wohl verziehen würde. Oh Mann. Damals lachte ich noch, nickte zustimmend  und drückte auf Forward: What’s A Girl to Do.
Gleich ist es geschafft. Mein Kopf schaut minimal über den Rand des Fensters. Der Nebel ist immer noch draußen. Teilweise reißt der energische Wind kleiner Löcher in die Nebelwand durch die die Sonne gespenstisch durchscheint. Es sollte jetzt so ungefähr später Nachmittag sein. Vielleicht gegen vier? Und dann sehe ich sie. Die Köpfe auf den schlanken Körpern. Kleine Geweihe. Neugierig starren diese schmalen Köpfe in meiner Richtung.

Sie wirken ruhig.
Ganz anders als ich. Mein Herz schlägt lauter als der Wind.

Ich habe genug gesehen. Ich versuche mit den Ellbogen leicht nach unten zu gehen, als meine Hand in etwas glitschiges greift. Was ist das? Vor meinem inneren Auge läuft purer Horror ab: Ein Auge? Blut? Kurz blicke ich nach unten und übersehe dabei den rostigen Nagel im Fensterbrett, der etwas hervorsteht. Er ratscht über meine Wange, während mein Kopf ruckartig herumfährt. Schmerz und Überraschung. Den Schrei kann ich unterdrücken, nicht aber ein kurzes Geräusch.

Kurz ist es still.
Dann höre ich die Hufe.


Bei nächster Gelegenheit gehts weiter.