Staudenken

Jeden Morgen fahre ich mit meinem Fahrrad über eine Brücke und sehe den Stau in auf dem mittleren Ring. Heute zum Beispiel war ein windiger Tag. Gegenwind, der dafür sorgte, dass ich ins Büro insgesamt knapp zehn Minuten länger radelte als gewohnt. Dazu kam zwischendurch ein leichter Sprühregen. Erfrischend herbstlich.

Die Brücke überquere ich ungefähr nach einem Drittel der Strecke.

Spätestens dann, wenn ich die blinkenden Bremsrücklichter der Autos im Stau sehe, freue ich mich, mit Schal, Hoodie und Jacke auf dem Fahrrad zu sitzen – trotz nicht optimalen Radlbedingungen, denn nach mehr oder weniger einer halben Stunde bin ich zuverlässig im Büro: Wach, meistens gut gelaunt und mit ersten gedachten Gedanken oder strukturierten Ideen für anstehende Besprechungen.

Einmal, vor ungefähr vier Wochen regnete es sehr stark und ich dachte, es wäre eine gute Sache mit dem Auto in die Arbeit zu fahren. Nach circa siebzig Minuten kam ich mehr oder weniger entnervt im Büro an. Stau, anfahren, Bremse, rein lassen, abbiegen, Ampeln, Parkplatz-Suche, seitlich rückwärts einparken. Abends ging ich extra spät um nicht nochmal dasselbe zu erleben.

Jeden Tag diese eine Stunde hin und diese Stunde nochmal zurück – wenn es einigermaßen läuft? Mehr als einen Arbeitstag pro Woche im Auto? Ich frage mich ernsthaft warum Menschen das machen. Zugegeben, ich liebe Fahrrad fahren. Das muss nicht jeder, zumal die Infrastruktur nicht optimal ist (dies ist aber ein anderer Beitrag).
Aber es gibt doch Möglichkeiten: Bus und Bahn, später oder früher losfahren, Fahrgemeinschaften – ich weiß es nicht. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Pendler gerne im Stau stehen. Aber warum ändert keiner der Stau-Menschen etwas?
Bei allen Debatten ums Elektroauto – selbst wenn alle Pendler alleine in ihrem Elektro-Auto sitzen wird der Stau nicht kürzer. Aus meiner Sicht loht es sich über neue Konzepte nachzudenken – auf struktureller und auf individueller Ebene. Der Vergleich Fahrrad gegen Auto gibt mir immerhin rund fünf bis sechs Stunden mehr Freizeit, die ich nicht im Stau verbringe.

Und es bietet eine weitere Möglichkeit: Wer nicht so viel selber treten will, für den gibt es E-Bikes – auch mit weniger Schweiß.