Funny und die Brillenschau

#ZugFiktion – // geschrieben bei einer Fahrt nach Bremen

 

I. Michael und ich: Eine Liebe mit Style

<3

Als wir unsere Brillen kauften, wussten wir nicht, was geschehen würde. Die Vorstellung gefiel uns, dass wir beide Brillen mit rotem Rand tragen würden. Dazu war Michael kurzsichtig und ich war weitsichtig, beide ungefähr mit der selben Stärke. Nur eben in dieselbe Richtung. Auch in dieser Hinsicht ergänzten wir uns.  Und so gingen wir los und kauften unsere Brillen.

Du musst wissen: uns ist es allgemein sehr wichtig, als Paar erkennbar aufzutreten. Schließlich sind wir jetzt schon 14 Jahre zusammen. Das, finde ich, sollten auch andere Personen sehen. Meistens kaufen wir zusammen ein oder bestellen aufeinander abgestimmte Kleidung online. Dabei wissen wir aus Erfahrung was zusammen passt: Seine genähten Boots mit der grünen Sohle zu meinen halbhohen Winterstiefeln mit gelben Sprenkeln, als Beispiel.

Ich arbeite als Daten-Analystin bei einer Firma, die sich mit der Entwicklung von Algorithmen für die Online-Kaufberatung für Kleidung spezialisiert hat. Meine Chefin, Frau Victoria Salerienne (sie trägt auch eine sehr schöne Brille) hat mir von Zeit zu Zeit etwas Freiraum gegeben, den Algorithmus an etwas anzupassen: So dass der Computer aus den Einkäuften von Michael und mir errechnen kann, welche Outfits zueinander passen und uns als Paar sichtbar machen. Darum geht es doch: Sichtbarkeit. Zeigen, dass wir zusammen gehören, dass wir glücklich sind, unser Leben teilen. Der Outfit-Algorithmus wird uns dabei helfen, noch genauer auszuwählen, was zu uns passt.
Und ja, als Victoria mir erlaubte, etwas am Algorithmus zu arbeiten kam plötzlich dieses Ergebnis: Brillen. Sofort war mir klar: Das ist es. Eilig nahm ich den letzten Schluck Ingwer-Tee und begann mit der Recherche.

 

Am Anfang war es einfach. Ich war schon immer gut darin, aus einer Vielzahl von Angeboten auszuwählen und Suchen so zu verändern, dass nur noch Treffer übrig blieben, die zumindest Produkte enthielten, die mir einigermaßen gefielen.
Schwierig wurde es erst, nachdem ich vier Brillenmodelle für Michael und neun für mich ausgewählt hatte und sie hinsichtlich ihres Zusammenspiel mit unserem allgemeinen Stil zu analysieren. Michale trug gern goldene Uhr und Freundschaftsband um sich als wagemutig und männlich zu zeigen – Freundschaftsband am rechten Arm, Uhr am linken. Dazu meist ein lässiges Business Hemd im Tropen-Stil geknöpft. Ich finde das steht ihm sehr gut. Dazu Vintage Jeans und Boots mit farbiger Sohle oder lackierten Schnürlöchern. Ein erfolgreicher Typ mit Abenteuerlust und Kreativität.
Ich selber bevorzuge ein dezentes Outfit: Kaschmir-Rollkragenpullover mit rotem Nagellack um meine Klasse und Verwegenheit zu uterstreichen. Modische Hosen und Schuhe sind eine Selbstverständlichkeit. Hier gehe ich aber wie Michael mit der Mode. Wichtig ist die Tasche dazu – meine derzeitige Lieblingstasche von LucLeTruc mit indischem Leopardenmuster. Gab es reduziert bei meinem liebsten Online-Shop.

Du siehst: Gar nicht so leicht, eine Brille auszuwählen. Sie mussten zu uns beiden passen, farblich, style-mäßig und natürlich auch zum Sternzeichen. Wir sind nicht abergläubisch. Aber ich sag mal, better safe than sorry.
Am Ende entschied ich mich für zwei einfache Modelle. Klassische Gestelle aber jeweils farbig aufgewertet mit kleinen Design Highlights am Bügel und auf der Nase. Der Preis war dazu unschlagbar. Ich bestellte die beiden Brillen zusammen mit Gläsern in der richtigen Stärke. Eine Woche später waren sie da. Im diskreten Päckchen von VisualWorld.

 

II.  Gehörst Du dazu?

Brillenträger waren die perfekte Zielgruppe: Fast den ganzen Tag haben sie ihre Brille auf und Blicken damit auf ihre Welt. Ab einer gewissen Sehschwäche sind sie auf das Ding regelrecht angewiesen. Aber bitte verzeihen Sie, dass ich gleich mit der Tür ins Haus falle. Zuerst möchte ich mich natürlich vorstellen. Ich bin Reginal de Salina La Fuente, aber nennen Sie mich einfach Funny. Mehrere Jahre war ich Optiker, dann studierte ich Informatik in SanDiego und gründete vor zwei Jahren mit Start-Up in Innsbruck. Ich liebe die Berge.

Schön, dass Sie gerade da sind, denn ich möchte Sie ein wenig herumführen. Meine Firma heißt VisualWorld und ich stelle Brillen her und verkaufe sie online. Dadurch kann ich einen sehr guten Preis anbieten. Was meine Brillen dabei auszeichnet ist ein kleiner Chip mit Sensor im Glase, der alle Augenbewegungen aufzeichnet und per Internet an die VisualWorld Server sendet.
Damit können wir die Sehgewohnheiten aller Träger unserer Brillen gemeinsam auswerten und für die Verbesserung der Modelle nutzen. Anhand der Reaktionen können wir mit Hilfe von künstlicher Intelligenz auch bewerten, was unsere Nutzer gerne sehen, worauf sie lange schauen, wie lange sie für gewisse Tätigkeiten brauchen und natürlich auch, was sie nicht gerne sehen und wovor sie sich fürchten. Mittelfristig ist unser Ziel, Situationen vorwegzusehen, in denen unsere Brillenmenschen etwas unangenehmes Sehen könnten und ihnen statt dessen etwas angenehmes einblenden: Eine Art vorausschauend optimiertes Sehen. Unser Benutzer sehen nur noch, was Ihnen gefällt: Stellen Sie sich vor, Sie sehen Kätzchen statt spinnen, Gutes Essen statt FastFood. Ist das nicht genial.

Im Moment hauen wir unsere Brillen ganz schön raus. Produkte, die auf Daten basieren müssen zuerst einmal Daten generieren. In dieser Phase sind wir gerade. Wobei wir auch schon jetzt ständig das Produkt anhand der bereits vorhandenen Daten unsere Brillen optimieren. Wussten Sie zum Beispiel, dass Menschen gerne Züge sehen? Ich nicht. Aber die Pupillendaten sprechen eine eindeutige Sprache.

Also, sehen Sie sich gerne ein wenig um. Ich schaue derweil schnell in meine E-Mails und gehe ein paar Konfigurationen der aktuellen Modelle durch. Eine ganz neue Gläser-Ggeneration. Damit können wir die Seh Erlebnis so gut wie realistisch in 4K Echtzeit optimieren. Können Sie gerne ausprobieren. Sagen Sie mir einfach Bescheid.

 

III. Augenblick

In dem Moment, in dem Michael mir aus beiden Augen blutend eine Stricknadel in den linken Augapfel rammte wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

Zu Beginn hatten die Brillen uns sehr erfreut. Sie passten super zu uns, machten unsere Gesichter interessanter und unsere Selfies hatten mehr Rückmeldung als sonst. Doch nach einiger Zeit begannen die Sinnestäuschungen: Wir begannen Dinge zu sehen, die nicht da waren. Es war grässlich. Stell Dir vor, die bist auf der Toilette und aus der Schüssel greifen verfaulende Finger gierig nach Dir um dich in die Kanalisation zu ziehen. Auch beim Kochen sahen die Speisen plötzlich aus wie kleine Monster, die einen gierig schnappend ansprangen.

Meistens waren die seltsamen Eindrücke nach wenigen Sekunden wieder weg, aber seltsam fanden wir es schon. Nur auf die Idee, es könnte mit den Brillen zusammenhängen kam ich viel zu spät. Beim Liegen auf der Couch hatte ich keine Brille auf und Michael trug seine. Er machte ein Selfie von sich und versteckte sich plötzlich unter dem Couchtisch. Ohne für mich ersichtlichen Grund. Später erzählte er mir, sein Handy hätte sich plötzlich in eine riesige Kakerlake verwandelt, die ihren grünen Speichel in sein Gesicht tropfen ließ.

Seit diesem Vorfall hatte ich ein dumpfes Gefühl die Brille betreffen und Michael sah die Kakerlake öfter und öfter. So oft, bis er sich an einem Donnerstag-Morgen während ich meine Finger lakierte beide Augen mit einer Stricknadel von Oma Hermine ausstach und mich attackierte. Anscheinend hielt sah er die speicheltriefende Kakerlake hinter meinen Augäpfeln sitzen.

 

IV. Erfolg schaffen

Zu Beginn gab es einige unschöne Rückschläge. Es war sicher nicht gewollt, dass unsere Brillen ihre Träger dazu brachten sich und anderen die Augen auszustechen. Im Grunde war die Idee, die Zielgruppe zu optimieren um kleinere Sehdefizite stärker hervorzuheben. In gezielten Marketingmaßnahmen sollten dann genau diese Defizite bei den Nutzern angesprochen werden um ihnen kleine Ad-Ons für die Brille zu verkaufen.

Bei Personen mit einer starken Sehschwäche in Kombination mit sehr starken psychologischen Abwehrreaktionen auf die von unserer Software vorgenommene Verstärkung und Veränderung der Sehdefizite konnte es zu dramatischen Überreaktionen kommen.

Unser Entwicklerteam hat den Bug gefunden und behoben. Der Mechanismus ist nun außer Kraft. Die erhobenen Daten werden im Moment nicht mehr zu Marketingzwecken eingesetzt.

Die Betroffenen Kunden haben von VisualWorld kostenfrei neue Augäpfel bekommen. Selbstverständlich sind diese mit der neuesten Software ausgestattet und bieten das Beste Seherlebnis. Vielleicht besser als vorher.